ABW Logo
austrian-business-womantatjana-lacknerbarbara-mucha-media

Die Rhetorik des Wahlkampfs: Zwischen Schnappatmung, Storytelling und Frames

Zumindest 34 Fernseh-Diskussionen stehen im aktuellen Wahlkampf bevor, bei denen die Spitzenkandidaten ihre Programme und Standpunkte vorstellen werden. Im Vorfeld hat Sprachexpertin Tatjana Lackner (Die Schule des Sprechens) die Rhetorik von Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer, Beate Meinl-Reisinger, Werner Kogler und Maria Stern analysiert.

„Die intensive Behandlung des Wahlkampfs im Fernsehen, stellt die Kandidatinnen und Kandidaten vor hohe rhetorische Herausforderungen. ÖVP, NEOS und Grüne scheinen aktuell den Ton gut zu treffen, während manche Kandidaten noch Luft nach oben hätten, um sich durch gute Sprache Gehör und damit Stimmen zu verschaffen“, analysiert Lackner.

Der unaufgeregte Ex-Kanzler

Dem ÖVP-Spitzenkandidaten attestiert Lackner ein unaufgeregtes Sprachmuster aus dem höflichen Erwachsenen-Ich, das mit Storytelling und Frames arbeitet. Zu seinen Kernaussagen zählt, was die Bürger wollen. Dazu verwendet er gute Paraphrasen und Anaphern. Er kann mit seiner Ursachen- und Wirkungsrhetorik punkten. Seine stimmlichen Gickser wirken manchmal befremdlich, wenn er seine Obertöne stärker einsetzt.

Die echauffierte Angreiferin

Im Gegensatz zu Kurz spricht Rendi-Wagner aus einem bevormundenden und warnenden Eltern-Ich. Sie verwendet überwiegend Stehsätze und Beteuerungsvokabel in einer bildleeren Sprache. Für Lackner wirkt die SPÖ-Spitzenkandidatin durch die Verwendung der breiten Kiefersperre schmallippig. In ihrem Bestreben, nachdrücklich zu argumentieren, erinnert sie an einen mahnenden Lehrer-Typus. So zählen Formulierungen wie „ganz, ganz viel“ oder „wirklich wichtig“ zu ihrem rhetorischen Repertoire. Auffällig sind die hörbare Schnappatmung sowie die falsche Betonung von Endungen. Zudem verkürzt sie lange Vokale oder zerdehnt diese. Befremdlich erscheint auch die Bildung des Buchstabens „Ö“ bei Worten wie „SPÖ“ oder „Österreich“, wo die Oberlippe bei Bildung des „Ö“ nach unten zeigt.

Blaues Denglish und einfache Hauptsätze

Die Rhetorik des FPÖ-Spitzenkandidaten Hofer kommt aus dem angepassten Kinder-Ich. Er spricht meist ruhig und sanft, bildet einfache Hauptsätze und selten Redefiguren. Sein Denglish (Mischung aus Deutsch und Englisch) mutet häufig befremdlich und nicht authentisch an. Als Verharmloser spricht er die Befindlichkeiten des Gesprächspartners gewieft an und zeigt sich gerne als nettes Gegenüber. Sätze wie „Herr Doktor, Sie sind heute so böse“ zählen zu seinem üblichen Sprachmuster und sollen seine Rolle untermauern.

Das trotzige Kind mit steirischer Färbung

Paradoxe Interventionen und „flotte Sager“ lassen den Spitzenkandidaten der Grünen witzig erscheinen. So sagt er über den Wahlerfolg der Grünen: „Das war das größte Comeback seit Lazarus“. Er spricht aus dem trotzigen Kinder-Ich, wirkt durch seine steirischen Dialekteinflüsse authentisch. Manchmal nuschelt er leicht und es passieren ihm „Ähhs“, dennoch wirkt er volksnah. Symphytisch wirkt, dass er politische Mitbewerber gelegentlich lobt.

Pinker Chiasmus

Die NEOS-Frontfrau bewegt sich sprachlich zwischen dem zurechtweisenden Eltern-Ich und dem kecken Kinder-Ich. Ihre gute eingesetzte Mundmimik mit geschürzten Lippen lässt sie sympathisch wirken. Viele „Ähhhs“ und offene Vokale kennzeichnen ihre Sprache, wobei vor allem das „A“ deutlich überdehnt wird. Durch ihren Chiasmus (kreuzweise Anordnung von entgegengesetzten Teilsätzen in Parallelsätzen) hebt sie Antithesen hervor und macht Formulierungen prägnanter. Trotz inhaltlicher Redundanzen arbeitet sie gekonnt mit Inhalts- und Ordnungssätzen.

Jetzt kommen witzige Analogien

Jetzt-Spitzenkandidatin Stern neigt zu verkürzten und moralisierenden Stehsätzen. Dennoch verwendet sie Analogien. Als Schauspielerin hat die gutaussehende Politikerin mit langweiliger Miene gute Stimmführung gelernt, die jedoch manchmal verhaucht klingt. Rhetorisch wirkt weinerlicher Rededuktus oft unbeholfen. Die bedeutungsschwangere Betonung und gezischelte S-Laute nehmen ihren Aussagen gelegentlich die Wirkung. Auffällig ist die gemeinsame Verwendung von Namen mit Artikeln beispielsweise in Sätzen wie „Der Sebastian Kurz traut sich nicht in Live-Debatten zu gehen.“

Über die Schule des Sprechens

Die Schule des Sprechens wurde 1994 von Kommunikations- und Verhaltens-Profilerin Tatjana Lackner gegründet und ist die führende privatwirtschaftliche Ausbildungseinrichtung für Kommunikationsstrategien und Sprecherausbildungen. 46 Experten unterrichten und coachen in sieben Abteilungen. Lackner ist Autorin zahlreicher Bücher („Business-Rhetorik to go: Sprechen 4.0“, „Rede Diät – So halten Sie Ihre Rhetorik schlank“ oder „Be Boss – 33 Stolpersteine beim Führen und Kommunizieren“) sowie Vortragende und Gastdozentin unter anderem an der FH Campus, FH WKW, Wirtschaftsuniversität Wien, Universität Wien oder Donau Universität Krems. 2014 wurde Sie vom Magazin „Training“ als „Trainerin des Jahres“ für Deutschland, Österreich und die Schweiz ausgezeichnet. Weitere Informationen auf https://www.sprechen.com.

Foto: Die Schule des Sprechens

Cookies dienen der Benutzerführung und der Webanalyse und helfen dabei, die Funktionalität der Website zu verbessern, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Datenschutzerklärung Ok